UV-C-Strahlung zur Virenbekämpfung

Der OSRAM Podcast: Episode #2 mit Hans Lugauer


Das Photonstudio - Der OSRAM Podcast. Herzlich willkommen zum Photonstudio, dem Podcast von OSRAM. Mein Name ist Karin Steinmetzer und ich bin OSRAM Mitarbeiterin im Bereich Communications. In dieser Episode unseres Podcasts will ich wissen, was Licht bei der Virenbekämpfung leisten kann, momentan ja ein brandaktuelles Thema. Durch das Coronavirus erfahren wir alle aktuell sehr konkret, wo Viren überall vorhanden sind, wo wir sie nicht haben wollen, und was sie im Extremfall bewirken können.

Wir fragen deshalb in dieser Folge unseres Podcasts nach, welche Rolle ein bestimmter Spektralbereich des Lichts, nämlich die ultraviolette Strahlung, bei der Bekämpfung von Keimen spielen kann. Dafür spreche ich heute mit dem OSRAM Entwicklungsingenieur Hans Lugauer. Er arbeitet gemeinsam mit Kollegen aus der Geschäftseinheit Opto Semiconductors in Regensburg an der Entwicklung von Keimtötern durch UV-C-Strahlung. Ich bin gespannt, von ihm zu erfahren, wo die Forschung aktuell steht, welche Produkte jetzt bereits im Einsatz sind und worauf wir uns in Zukunft freuen können.

Karin: Servus Hans, heute von Homeoffice zu Homeoffice. Welches Produkt hättest du denn heute schon gerne in der Hand?

Hans: Hallo Karin, wir arbeiten ja gerade recht intensiv an LEDs, also Leuchtdioden, die UV-C-Licht abstrahlen können. Das Licht hat ja unter anderem die Eigenschaft, fast alle Arten von Keimen abtöten zu können, also Bakterien, Viren, Schimmelpilze und was es sonst noch alles so an gefährlichen Mikroorganismen gibt. Das wäre natürlich gerade in der Corona-Krise super, wenn wir diese LEDs schon heute als Produkt zur Verfügung hätten. Aber ohne Zeitmaschine wird es vermutlich noch ein knappes Jahr dauern, bis wir das entwickelt haben.

Karin: Der Physikunterricht ist ja schon eine Weile her. Kannst du uns kurz erklären, welche Wellenlänge genau die UV-C-Strahlung ist?

Hans: Also das UV-Licht teilt man normalerweise in drei Gruppen ein: UV-A, UV-B und UV-C. UV-A kennt man eigentlich aus dem Sonnenstudio oder ganz normal aus der Sonne. Das ist der Lichtanteil zwischen 320 und 400 Nanometer, der für die Bräunung der Haut verantwortlich ist. UV-B ist dann der Bereich unterhalb 280 bis 320 Nanometer. Das ist dann auch noch ein bisschen Bräunung, aber auch schon viel Sonnenbrand mit dabei. Also das ist alles der Spektralbereich aus der Sonne, der wirklich den Sonnenbrand verursacht und deswegen schon eher gefährlich ist. UV-C-Licht ist noch darunter, mit 280 bis 200 Nanometern. Das kommt eigentlich nicht mehr an auf der Erdoberfläche, weil es unsere Atmosphäre herausfiltert. Aber das ist tatsächlich sehr, sehr effizient, wenn es um das Abtöten von Keimen geht. Es hat eben diese spezielle Eigenschaft.

Karin: Mit dieser speziellen Eigenschaft gibt es ja schon die traditionellen UV-C-Lampen, die sogenannten Niederdruck-Entladungslampen. Die wurden jetzt auch in China während der Corona-Pandemie eingesetzt. Kannst du uns vielleicht ein bisschen näher erklären, wieso man die nicht einfach großflächig einsetzt?

Hans: Diese UV-C-Strahlung aus den Quecksilber-Entladungslampen gibt es ja schon viele Jahrzehnte. OSRAM stellt diese Lampen ja auch noch selbst her und hat mit der AirZing-Leuchte ein Produkt zur Desinfektion im Portfolio. Gerade während der Corona-Krise in China wurde es in zahlreichen Krankenhäusern und Kindergärten (z.B. in Wuhan und Peking) getestet. Ein großer Vorteil dieser UV-C-Desinfektion ist, dass sie ohne Chemie funktioniert und dadurch natürlich ideal für ein solches Umfeld geeignet ist, wo man Kontaminationen vermeiden will.

Karin: Was kann dann jetzt eine LED besser?

Hans: Da kommen wir zu den Nachteilen, die diese Leuchten haben. Wie der Name Quecksilber-Entladungslampe ja schon sagt, enthalten sie Quecksilber. Das heißt, sie sind nicht ganz ungefährlich für die Gesundheit, wenn sie insbesondere beschädigt werden oder wenn sie nicht fachgerecht entsorgt werden. Das heißt, dass Quecksilber dann in die Umgebung entweichen kann. Weitere Nachteile wären, dass sie auch noch ziemlich groß sind und sie auch nur schwierig verkleinert werden können. Sie sind ganz besonders empfindlich gegen mechanische Erschütterungen und Stöße. Auch wenn man sie häufig ein und ausschaltet, gehen sie schnell kaputt. Und auch ein gewisser Nachteil ist je nach Anwendung, dass sie nach dem Einschalten meistens einige Minuten brauchen, bis sie überhaupt auf voller Leistung brennen. Also mal schnell an und aus funktioniert da eigentlich nicht. Neben der Lebensdauer ist auch die Lichtleistung sehr langsam, bis sie voll brennt. Da werden dann wirklich die Vorteile der LEDs sichtbar. Sie enthalten natürlich keine Schwermetalle vom Prozess her. Sie sind sehr, sehr klein, damit kann man sie flexibel einsetzen in alle Arten von Geometrien von Produkten. Man kann sie beliebig oft ein- und ausschalten, das macht ihnen überhaupt nichts aus. Auch ist das Licht ist sofort nach dem Einschalten voll da und es gibt überhaupt keine Verzögerung. Weiter kommt noch dazu, dass Sie keine so hohen Spannungen benötigen wie diese Entladungslampen. Das heißt, man könnte sie auch mit Batterien oder Akkus betreiben und damit prinzipiell auch überall mitnehmen.

Karin: Das sind ganz klare Vorteile, die dann auch ganz neue Anwendungsfelder ermöglichen. Jetzt haben wir die UV-C LED aber noch nicht in der Hand, was genau ist denn die Herausforderung in der Entwicklung?

Hans: Diese LED-Technologie gibt es schon seit den Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts. Da hat sich in den letzten 20 Jahren sehr viel getan, seitdem die blaue LED ihren Siegeszug angetreten hat. Wie du schon gesagt hast ist sie fast in jedem Haus zu finden, in Form dieser weisen LED, wo das blaue Licht noch mit gelben zu weiß ergänzt wird. Aber die Technologie, die hinter diesen blauen LEDs steckt, ist ziemlich ähnlich zu der der UV-C LEDs. Wenn man mal auf das Material ein bisschen genauer eingeht, sind es ja Halbleiter. Und die blauen LED bestehen aus dem Halbleiter Indiumgalliumnitrid, während die UV-C LEDs aus Aluminiumgalliumnitrid bestehen. Das heißt, hier kann man jeweils durch den Anteil an Indium bzw. Aluminium die gewünschte Wellenlänge einstellen. Das klingt jetzt bisschen einfach, so nach dem Motto tauschen wir mal das Indium gegen das Aluminium aus. Aber genau das ist in der Umsetzung ziemlich herausfordernd.

Karin: Kannst du uns das vielleicht ein bisschen genauer erklären? Erstmal klingt es ja tatsächlich recht einfach, ein Material durch ein anderes auszutauschen. Aber was bringt das alles mit sich?

Hans: Genau das klingt einfach. Aber genau das ist die Herausforderung, wenn man es dann umsetzt. Wenn man jetzt zum Beispiel damit anfängt, dass der Halbleiter Aluminiumnitrit, der diese Basis der UV-C LEDs bildet, benötigt man in der Herstellung sehr, sehr hohe Temperaturen, um optimal hergestellt zu werden. Jetzt ist es auch schon bei normalem Galliumnitrit-LEDs für den sichtbaren Bereich schon ein sehr anspruchsvoller Prozess, der bei über tausend Grad Celsius läuft. Und für das Aluminiumnitrit muss man dann nochmal 300 bis 400 Grad drauflegen. Das schaffen die bisherigen Prozessanlagen nicht. Dafür braucht man neue Anlagen und entsprechend müssen neue Prozesse entwickeln werden, die am Schluss dann die nötige Qualität und auch Ausbeute liefern.

Karin: Das heißt also es dauert. Von welchem Zeithorizont reden wir denn in etwa, was die Entwicklung angeht?

Hans: Wie gesagt, diese neuen Materialien sind relativ komplex herzustellen. Hier haben viele Problemchen und Herausforderungen zu lösen. Das wird sicherlich nicht von heute auf morgen gehen. Hier reden wir schon von einer Zeitskala von etwa einem Jahr. Wir sind momentan ja noch in der Vorentwicklung. Das heißt, wir müssen diese Prozesse alle noch entwickeln für produktionstaugliche Einführung. Normalerweise würde es vermutlich noch etwa ein Jahr dauern. Aber wir geben natürlich in der jetzigen Situation gerade richtig Gas.

Karin: Ich sehe schon, ein bisschen Geduld brauchen wir also noch, bis wird die UV-C LED in der Hand halten. Jetzt interessiert mich noch etwas ganz anderes. Wie funktioniert eigentlich die Zerstörung von Keimen durch UV-C-Strahlung? Wo und wie greifen die genau an?

Hans: Zerstören ist vielleicht nicht ganz das richtige Wort. Wir bringen die Keime ja nicht zur Explosion oder verdampfen sie durch den Lichtstrahl, wie man sich das vielleicht vorstellen kann. Ich denke mal „deaktivieren“ oder „an der Vermehrung hindern“ ist vielleicht ein besserer Ausdruck. Ein einzelnes Bakterium oder ein einzelner Virus an sich ist ja nicht so schlimm. Er wird nur dann gefährlich, wenn er sich in großer Zahl vermehren kann und entsprechend das Abwehrsystem des Körpers überfluten kann. Normalerweise halten ja die Abwehrkräfte eine bestimmte Anzahl von Keimen in Schach. Aber wenn es dann zu viele werden, dann haben wir überhaupt keine Chance mehr und der Mensch wird krank. Das eigentliche Problem ist also die Vermehrung. Bei jedem Vermehrungsschritt muss eine Kopie des Erbguts erzeugt werden, damit die nachfolgende Generation des Keims wieder die gleiche Eigenschaft hat wie die vorhergehende. Und da setzt eben das UV-C-Licht an. Man kann dieses Erbgut mit der Bestrahlung dieser hochenergetischen UV-Photonen, also im Bereich 270 bis 260 Nanometer, so schädigen, dass es sich nicht mehr richtig kopieren lässt. Die Kopie geht dann sofort kaputt oder wird auch erst gar nicht erzeugt. Das heißt, diese Vermehrung des Keims ist damit gestoppt und der Keim ist damit inaktiv geworden.

Karin: Verstanden. Jetzt gibt es ja Keime nicht nur in Corona-Zeiten, kannst du uns noch Anwendungsfälle beschreiben, für die man die UV-C-Keimtöter danach einsetzen kann? Was für UV-C-LED-Produkte habt ihr da im Kopf?

Hans: Da gibt es natürlich einiges im Bereich Wasser. Zum Beispiel kann man sich vorstellen, dass man die Bauteile in Waschmaschinen oder Spülmaschinen sinnvoll einsetzen kann, um da Verkeimung und Geruchsbildung zu verhindern. In der Luft sind Klimaanlagen ja bekanntlich auch ziemliche Keimschleudern, wenn sie zum Beispiel nicht sorgfältig gewartet werden. Auch da lässt sich an der richtigen Stelle in der Klimaanlage mit UV-C LEDs die Verkeimung verhindern und entsprechend auch die Gefährdung der Nutzer. Wenn man jetzt den Bogen zu den Oberflächen wieder spannt, kommt man nicht ganz um die Corona-Krise herum, weil da war ja da das Hauptthema. Aber generell gibt es auch in den Krankenhäusern zum Beispiel multiresistente Keime, gegen die eigentlich keinerlei Medikament mehr wirksam ist. Die muss man mit harter Chemie momentan adressieren, aber schafft es auch nicht ganz, hier könnte das UV-C-Licht zum Beispiel unterstützen. In öffentlichen Bereichen wie Bus und Bahn, Taxi, Mietwagen oder Rolltreppen, also überall, wo viele Menschen nacheinander die gleichen Dinge anfassen, ist ein Einsatz sicherlich auch sehr sinnvoll. Man muss halt darauf achten, dass die Strahlung ausreichend abgeschirmt ist und sich kein Mensch in der Nähe befindet, wenn sie an ist. Aber ich denke das es klar ist, dass dies in der Anwendung jeweils gemacht wird.

Karin: Jetzt haben wir ja über Anwendungsfälle, Materialsysteme und Wellenlängen gesprochen, aber noch nicht über die Effizienz der UV-C LED und das ist aber ein ganz wichtiger Faktor, damit man sie wirtschaftlich einsetzen kann. Wann sind wir mit der UV-C LED da, wo wir mit der Alltags-LED schon lange sind?

Hans: Es ist tatsächlich eine der größten Herausforderungen bei dem Material, die UV-C-Photonen, die man im Inneren dieser Halbleiter erzeugt, herauszukriegen. Das klingt erst einmal einfach, aber ist tatsächlich im Detail fürchterlich schwierig, weil diese Lichtauskopplung oder Lichtextraktion dort aufgrund von Materialeigenschaften besonders schlecht ist. Wir reden da von unter 10 Prozent Lichtextraktionseffizienz. Das heißt, im Vergleich zu den blauen LEDs fehlt uns da mindestens noch ein Faktor fünf oder sogar noch deutlich mehr, je nachdem mit was man es vergleicht.

Karin: Das heißt das ist jetzt ungefähr da, wo wir vor zehn Jahren mit der Alltags-LED waren?

Hans: Ja, genau.

Karin: Aber ihr braucht jetzt keine zehn Jahre mehr, bis ihr das aufgeholt habt?

Hans: Nein, natürlich nicht. Wir kennen ja zum Glück schon aus der Lernphase der sichtbaren LEDs ein großes Arsenal an Konzepten, die wir da schon zur Verfügung haben, um genau dieses Problem anzugehen. Man kann zum Beispiel Oberflächen aufrauen, da gibt es verschiedene Tricks. Man kann die absorbierenden Schichten, die dann vielleicht noch drin sind, versuchen möglichst dünn zu machen oder ganz rauszukriegen. Also da wissen wir schon einiges, was bei den sichtbaren LEDs geholfen hat und was man natürlich noch ausprobieren müssen für die UV-C LEDs, aber was auch alles recht erfolgversprechend ist und mit Sicherheit nicht mehr so lang dauert, wie es damals gebraucht hat, um es das erste Mal zu entwickeln.

Karin: Das heißt, die UV-C LED rückt doch in greifbare Nähe. Dann würde ich gerne nochmal auf die Vorteile zurückkommen. Die LED ist ja sehr viel kleiner und kann zum Beispiel direkt dort verbaut werden, wo sie gebraucht wird. Also zum Beispiel direkt in den Wasserhahn. So etwas geht er mit aktuellen Lösungen nicht, richtig?

Hans: Richtig! Direkt am Wasserhahn geht nicht, zum einen wegen der Größe, das wäre einfach ein unförmiges Teil und zum anderen auch wegen der hohen Spannung, die da direkt in der Umgebung von Wasser nötig wäre. Das würde man nicht machen, einfach aus Sicherheitsgründen. Also es ist ein klassischer Vorteil für die LEDs.

Karin: Und wie ist es beispielsweise mit Oberflächen Desinfektion? Könnte ich mir da beispielsweise ein portables Desinfektionsgerät auf LED-Basis als Produkt vorstellen? So ein Keimtöter To-Go, mit dem ich Dinge desinfizieren kann, die ich am liebsten gar nicht anfassen würde?

Hans: Genau, dass kann man sich auch vorstellen. Es ist absolut möglich, mit LEDs und Batteriebetrieb ein portables Gerät herzustellen. Man muss halt nur darauf achten, dass man hier gewisse Sicherheitsvorschriften einhält, weil die UV-C-Strahlung an sich ist natürlich nicht ganz ungefährlich, auch für den Menschen. Das heißt es muss dafür gesorgt werden, dass sich das Gerät abschaltet, wenn der Mensch dann direkt in der Nähe ist oder reinschaut. Das soll natürlich nicht passieren, aber prinzipiell ist es natürlich eine sehr interessante Anwendung, wenn ich das selbst auch mittragen kann. Überall, wo ich mich dann unwohl fühle, kann ich es einsetzen und entsprechend Gegenstände oder Oberflächen so reinigen.

Karin: Das heißt, es muss eine Sensorik im Produkt geben, die dafür sorgt, dass niemand durch die UV-C-Strahlung geschädigt wird?

Hans: Man kann zum Beispiel versuchen, die Richtung des Gerätes so im Raum zu detektieren das es immer nur funktioniert, wenn es nach unten gerichtet ist, sodass es nie funktioniert, wenn man es schräg hält und der Menschen ein Teil der Strahlung abbekommen würde. Das wäre zum Beispiel eine relativ einfache Möglichkeit. Bei portablen Geräten ist es natürlich eher schwierig. Bei festinstallierten bräuchte es einen Bewegungsmelder in der Nähe.

Karin: So ein Produkt würde das Leben ja gerade aktuell echt sehr erleichtern! Aber jetzt nochmal zu dir persönlich. Du arbeitest ja echt schon sehr lange in der UV-C-Forschung und es ist ja doch eine Arbeit mit recht vielen Unbekannten entlang der Strecke. Wie gehst du damit um?

Hans: Das ist tatsächlich eine echte Herausforderung. Aber nicht nur für mich, sondern für alle Beteiligten, weil wir es ja mit einem neuen Material und damit auch mit einem neuen Bauteil zu tun haben, dass uns wirklich noch einige Überraschungen bereiten kann. Das heißt, neben einer wirklich ausführlichen und detaillierten Projektplanung gehört dann später auch ein entsprechend pragmatischer Umgang mit Problemen dazu, weil die kann man ja nur begrenzt voraussehen bei der Planung. Und wenn Probleme dann auftauchen, müssen sie halt gelöst werden oder umgangen werden. Aber das nimmt einen großen Anteil im Alltag des Entwicklers ein. Aber genau darin liegt für mich auch der Reiz des Jobs, weil ich persönlich die größte Motivation aus den Momenten ziehe, in denen eine neue Idee aufgetaucht ist oder eine neue Erkenntnis, die dann genau das Problem löst, was Einem zuvor tagelang oder auch wochenlang Kopfzerbrechen bereitet hat. Und dann geht es weiter, das nächste Problem lösen und diese Schleife bis zum Schluss durchführen.

Karin: Klingt nach großem Ausdauervermögen. Konkret zu deinen Aufgaben, welche macht dir am meisten Spaß?

Hans: Die tägliche Arbeit eines Entwicklers hat zum Teil auch mit Bürokratie zu tun, aber zum Glück zum größeren Teil viel mit Problemlösung. Das macht mir persönlich am meisten Spaß, wenn man ein Problem hat, genauer anschauen muss und verstehen muss woher es kommt. Und wenn man dann irgendwann mal die Lösung gefunden hat und am Schluss dadurch ein Produkt in der Hand hält, wie zum Beispiel die UV-C LED, die wirklich einen Mehrwert bringt. Und dass man als OSRAM hier einen Beitrag leisten kann, dass es der Welt vielleicht ein kleines Stück besser geht.

Karin: Beschreibe uns das mal näher, wie du dahin kommst. Wie schaut so ein Arbeitsalltag bei dir aus? Bist du im Labor oder analysierst du Spektralkurven am Rechner? Oder feilst du an Materialsystemen? Wie genau können wir uns das vorstellen?

Hans: Das kommt jetzt auf die speziellen Arbeitspakete an, die man gerade bearbeitet. Viel wird natürlich im Labor gelöst oder angesehen. Im Detail kommt man aber meistens in Gruppen zusammen und diskutiert Ergebnisse, Messwerte und versucht dann tatsächlich aus diesen Ergebnissen einen Schluss zu ziehen und abzuleiten, wie man etwas besser machen kann, wie man etwas anders machen kann, damit dieses Problem nicht so auftritt, wie es im Moment vielleicht tut. Das heißt, man muss flexibel sein und kreativ. Das ist wirklich sehr, sehr wichtig in dem Job. Ohne solche kreativen Ideen wird es sehr, sehr schwierig, diese Probleme zu lösen.

Karin: Kreativität hätte ich jetzt nicht zuallererst einem Physiker zugeordnet. Da habe ich eher so ein bisschen einen Nerd vor Augen. Was genau ist kreativ an deiner Arbeit?

Hans: Also erstmal danke für dieses nette Kompliment. Kreativität als Physiker ist eigentlich eine Grundvoraussetzung in unserem Job. Ohne die kommt man glaube ich nicht weit. Wir haben an vielen Stellen Fragen, die auftauchen, die wir mit entsprechenden Ideen, also viel Kreativität, lösen müssen. Das klingt jetzt abstrakt, aber ich kann es mal versuchen, ein paar Beispiele zu bringen. Im Prinzip kann man ja unsere Prozesskette in zwei Hauptgruppen aufspalten. Einmal ist es die Epitaxie, also die Abscheidung der Halbleiterschichten, die am Schluss auch das Licht erzeugen. Zum anderen die Chip-Prozessierung, die aus dem Wafer, der aus der Epitaxie kommt, später die kleinen Chips strukturiert. Das heißt, ein großer Wafer wird zu sehr, sehr kleinen Chips gemacht. Und diese zwei Prozesse hängen natürlich eng miteinander zusammen. Es ist dann eine große Herausforderung, wenn hinten ein Problem auftaucht. Zum Beispiel, wenn die Betriebsspannung des Bauteils viel zu hoch ist, weiß man erst mal nicht, liegt es an der Epitaxie oder am Chipprozess. Das ist dann die Herausforderung, mit vielen einzelnen Experimenten den Fehler einzugrenzen. Wo kommt er genau her und wie kann man ihn lösen, wenn man dann grob eine Idee hat, wo er wirklich auftaucht. Das ist dann die eigentliche Herausforderung und wie gesagt, auch das ist dann der Spaß, den man dann hat, wenn man endlich ein größeres Problem gelöst hat.

Karin: Da brauchst du bestimmt auch eine hohe Frustrationstoleranz?

Hans: In der Tat, die Frustrationstoleranz steigt mit der Komplexität der Themen. Bei dem Thema gibt es, gerade weil es so neu ist, sehr viele Fragen und Unbekannte, die wirklich zuschlagen. Und entsprechend gibt es viele Momente, wo man sagt, das gibt es doch gar nicht, wie kommt so etwas zustande? Und da muss man sich reinbeißen und ins Detail gehen und versuchen, die Gründe und Ursachen zu identifizieren. Das ist teilweise sehr aufwendig und geht nicht so schnell, wie man es gerne hätte und man braucht viel Geduld. Das sind dann tatsächlich die Herausforderungen des Entwickleralltags.

Karin: Problemlöser ist gut, nur muss man ja nicht alle Probleme selbst lösen und auch nicht alle Ideen selber haben. Wir sind ja auch sicher nicht die Einzigen, die an UV-C LEDs forschen. Arbeitet ihr mit Partnern zusammen, damit es schneller vorangeht?

Hans: Natürlich kann man viele Fragestellungen nicht in einer Firma vollständig beantworten. Es gibt viele Probleme, wo eine Uni bessergestellt ist, um solche Sachen zu adressieren. Wir haben gut funktionierende Kooperationen, zum Beispiel mit der Technischen Universität Braunschweig, die dann für uns spezielle Fragestellungen sich genauer anschaut und mit ihren Analytics Tools dann recht detailliert untersucht und die dann andere Fragestellungen und auch andere Lösungen finden können als wir, aufgrund Ihrer Möglichkeiten, die Sie haben.

Karin: In diesem Sinne dein Satz zum Schluss. Worauf können wir uns im nächsten Jahr freuen?

Hans: Ich hoffe erst mal, dass wir alle das Thema Coronavirus aus unserem Alltag loskriegen und das es ist nicht mehr so dominiert, wie Gerade im Moment. Darauf freuen wir uns glaube ich alle. Dann hoffe ich natürlich, dass dieses geplante Produktentwicklungsprojekt auch wirklich genauso läuft wie geplant. Das ist ja immer die große Frage, aber wenn es so läuft, dann, werden wir wirklich 2021 die ersten produktiven OSRAM UV-C LEDs in der Hand halten können. Nach der ewigen Zeit in der Vorentwicklung, mit vielen Einbahnstraßen und Rückschlägen, freu ich mich dann ganz besonders drauf, wenn dieser Zeitpunkt gekommen ist. Ich hoffe natürlich auch, dass wir alle uns dann über so ein Bauteil freuen können. Letztendlich hat es das Potenzial, unseren Alltag wirklich sicherer zu machen, zumindest in gesundheitlicher Hinsicht. Das denke ich ist schon etwas Besonderes bei dieser Technologie.

Karin: Danke, Hans, für den wirklich spannenden Einblick in deine Arbeit.

Hans: Ja klar, Karin, gern geschehen! Ich danke auch, dass ich beitragen konnte zu dem interessanten Thema.

Karin: Die aktuelle Episode unseres Photonstudios können Sie wie immer auf Soundcloud, iTunes, Spotify und Google Podcast hören. Wer noch mehr über die Keimtöter wissen will, dem empfehle ich die Online-Version unseres Innovation Magazins ON. Auf der OSRAM Group Website im Bereich Innovation findest du zudem viele weitere inspirierende Artikel aus der Welt der Photonik. Bleibt gesund und bis zur nächsten Episode im Photonstudio. Servus!

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