Flexible Lighting Systems
 

Architektur modern inszenieren

München, 01.02.2021

Ein Interview mit Martin Reuter, Leiter des Realisierungszentrums bei der OSRAM GmbH, München Deutschland

OSRAM: Herr Reuter, gerade bei anspruchsvollen Bauvorhaben wird heutzutage besonderen Wert auf eine hochwertige Beleuchtung gelegt. Wie äußert sich Ihrer Ansicht nach dieser Anspruch in der Inszenierung moderner Architektur?

Martin Reuter: Licht war schon immer ein unverzichtbarer Bestandteil der Gebäudeausstattung, aber der Stellenwert guter Beleuchtung hat sich in den letzten Jahren doch deutlich erhöht. Angefangen von den vielen neuen Möglichkeiten, mit miniaturisierten LED-Anwendungen ganz neue Lösungen zu kreieren und damit die Architektur innen wie außen zu unterstützen, bis hin zu Themen wie Human Centric Lighting. Auch weitere Effizienzsteigerungen sowie Steuerungs- und Sensortechnologien werden zunehmend wichtiger.

OSRAM: Und welche Bedeutung hat die Beleuchtung im Fall von Bestandsgebäuden, also zum Beispiel bei der Sanierung historischer Bauten? Auf welche Aspekte achten hier etwa Bauherren oder auch die späteren Besucher ganz besonders?

Martin Reuter: Neues Licht im Rahmen einer Sanierung stellt den Planer vor die Herausforderung, einerseits Licht- und Regelungshardware nach dem aktuellen Stand der Technik einzubauen, andererseits aber auch auf die bestehenden Strukturen Rücksicht zu nehmen. Auch hier bietet die moderne LED-Technologie zahllose Möglichkeiten. Bei einer guten Planung und Ausführung wird man den Ersatz der bisherigen Leuchtmittel vielleicht gar nicht bewusst wahrnehmen. Dennoch wird man an einem bestimmten Punkt eine Veränderung merken, und zwar beim Blick auf die Stromrechnung, denn durch den Einsatz von LEDs wird der Energieverbrauch deutlich reduziert.

OSRAM: Welche technischen Voraussetzungen muss eine moderne Beleuchtungsanlage im Rahmen der Inszenierung von Architektur eigentlich erfüllen, um den teils hohen ästhetischen Erwartungen heutiger Auftraggeber gerecht zu werden?

Martin Reuter: Auf diese Frage gibt es aus meiner Sicht keine eindeutige Antwort, zu unterschiedlich sind die Geschmäcker und Baustile, aber auch die Aufgaben der Beleuchtung. Auf alle Fälle jedoch ist es sehr wichtig, die Beleuchtung bereits mit Beginn der ersten Entwürfe an Bord zu holen. Dann sind der Kreativität in allen Bereichen kaum Grenzen gesetzt. So können etwa Materialoberflächen mit unterschiedlichen Beleuchtungen – zum Beispiel durch die Lichtfarbe, die Lichtrichtung, die Ausstrahlungscharakteristiken und andere Variablen – gezielt zu Geltung gebracht und in ihrer Wirkung beeinflusst werden. Auch eine Inszenierung von Strukturen und Flächen im oder am Gebäude mit punktuellem oder linienförmigem Licht erzeugt ganz unterschiedliche Eindrücke – und mit flächigem Licht ändert sich das noch einmal mehr. Und eine Ausführung der Beleuchtung mit dynamischen Elementen, ob nur dimmbar oder mit unterschiedlichen Farben, eröffnet nahezu unendliche Möglichkeiten der Nachtwirkung eines Gebäudes.

OSRAM: Sind heutige Betrachter eigentlich anspruchsvoller geworden, was die Architekturbeleuchtung angeht – und wenn ja, wie äußert sich das Ihrer Erfahrung nach, zum Beispiel in Gesprächen mit Kunden von OSRAM?

Martin Reuter: Ja, sowohl Bauherren als auch Architekten sind durch die Vielzahl der neuen Möglichkeiten, die die moderne LED-Technologie bietet, deutlich anspruchsvoller geworden. Heute ist es möglich, Fassaden gänzlich homogen und taghell zu beleuchten – oder aber durch integriertes Licht komplett unterschiedlich erscheinen zu lassen. Sicherlich gibt es hier auch eine gewisse Gradwanderung zwischen dem, was technisch möglich ist und dem, was den Auftraggebern gefällt, aber das haben Architekt und Bauherr zu entscheiden.

OSRAM: Wie wichtig ist eigentlich eine gleichmäßige Lichtverteilung im Rahmen der Architekturbeleuchtung?

Martin Reuter: Wenn wir von Fassaden- oder Außenbeleuchtungen sprechen, kommt eine flächige Beleuchtung sicherlich der Tagwirkung am nächsten und erscheint dadurch für viele Betrachter am gefälligsten. Aber auch hier kann eine Fassade zum Beispiel durch gezielte Leuchtdichteunterschiede gegliedert werden.

OSRAM: Spielen dabei auch Themen wie das Dimmen oder die Lichtsteuerung eine Rolle oder sind das eher technische Spielereien, die man für diesen Anwendungsbereich vernachlässigen kann?

Martin Reuter: Wie wir alle wissen, müssen wir unseren Energieverbrauch reduzieren. Das Dimmen kann hierzu einen wertvollen Beitrag leisten. So kann die Beleuchtung in späteren Abendstunden an die allgemein niedrigere Umgebungsbeleuchtungsstärke angepasst betrieben und mit einer Vielzahl an erhältlichen Sensoren und Steuerungsgeräten auch komplett autonom gesteuert werden.

OSRAM: Und welche Rolle spielt der Sehkomfort im Zusammenhang mit einer gleichmäßigen Architekturbeleuchtung?

Martin Reuter: Wir alle kennen die unangenehme Blendung, die nachts auf der Landstraße durch entgegenkommende Fahrzeuge entsteht. Leider sind solche Beispiele auch in der Architekturbeleuchtung häufig zu finden. Da werden etwa Fassaden aus unterschiedlichsten Positionen beleuchtet, ohne auf den Betrachter und dessen Blickrichtung zu achten. Verstärkend für eine Blendung kommt hinzu, dass die Empfindlichkeit des Auges auf unterschiedliche Leuchtdichten gerade in diesen Beleuchtungsstärkebereichen besonders hoch ist. Wer hier aber vorausschauend plant und einen hohen Sehkomfort ganz bewusst in das Beleuchtungskonzept integriert, kann langfristig nachwirkende Fehler gezielt vermeiden und empfiehlt sich damit auch für zukünftige Projekte.

OSRAM: Was sagen Sie eigentlich Kritikern, die z.B. eine Fassadenbeleuchtung für „pure Lichtverschmutzung“ halten?

Martin Reuter: Natürlich kann man alles in Frage stellen, aber eine moderne Fassadenbeleuchtung ist heute mit einem sehr geringen Energieaufwand zu realisieren. Ein modernes LED-System verbraucht, natürlich je nach Größe und Fläche weniger als ein handelsüblicher Staubsauger oder Toaster. Eine gezielte und energieeffiziente Architekturbeleuchtung macht Städte und Gebäude nachts erst erlebbar. Führen Sie sich einmal das triste Bild dunkler Schlösser oder Burgen vor Augen und setzen Sie dann die Freude der Betrachter entgegen, wenn sie diese Gebäude auch nachts sehen können. Deshalb kann man aus meiner Sicht bei einer gut gestalteten Fassadenbeleuchtung auf keinen Fall von Lichtverschmutzung sprechen, es ist vielmehr ein Stück Lebensqualität.

OSRAM: Herr Reuter, vielen Dank für dieses anregende Gespräch.

Lassen Sie sich inspirieren:
Fassadenbeleuchtung des Nationaltheaters – München, Deutschland
Innenbeleuchtung des Petersdoms – Vatikanstadt/Rom, Italien
Grund- und Effektbeleuchtung – Stiftskirche Vreden, Deutschland